Arbeit Schreiben 

Woisch Karle, du brauchscht e gscheits Öl

Dieser großartige Werbeslogan eines schwäbischen Lebensmittelherstellers – nennen wir ihn S. – hat mir seit der Zeit, in der ich zwecks Bekämpfung von berufsbedingter Langeweile und Müdigkeit unzählige Nächte hindurch Radio hörte, immer wieder aufs Neue zu denken gegeben. So wurde mir schnell klar, dass hinter der trivialen Aufforderung an einen Freund, er möge doch die richtige Ölsorte wählen, um seinen Kochkünsten den letzten Schliff und seinen ihm im gleichen Spot kackfrech unterstellten Verdauungsproblemen Herr zu werden, wie gesagt wird, weitaus tiefere Ebenen von Lebensweisheit lagen. Es geht hier bei weitem nicht nur um die Bewerbung eines zweifellos interessanten Produktes, nein, die Sache reicht geradezu ins Philosophische. „E gscheits Öl“, wie es heißt, ist das ideale Schmiermittel, um sowohl ganz praktischen als auch somatischen Lebensproblemen auf den Grund zu kommen. Ohne den eindringlichen Rat seines Freundes würde besagter Karl nämlich noch immer verzweifelt angesichts seines biografischen Stillstandes und seiner Verdauungsprobleme recht ratlos in der Wüste stehen.

Manchmal sind es die trivialsten Botschaften aus der Welt der Werbung oder der vorzugsweise populären Musik, die einem ganz unerwartet und urplötzlich eine veritable Eingebung verschaffen. So auch in diesem Fall, und damit will ich zum eigentlichen Anliegen dieses Beitrags kommen.

Schon mein alter Freund P., über dessen doch recht würdelosen Abschied ich hier unlängst berichten musste, hatte mich aufgrund meiner süddeutschen Herkunft gerne mit diversen Ressentiments gegenüber Schwaben provoziert. Aus seiner norddeutschen Perspektive heraus endeten solche Geplänkel oft gar mit scherzhaften Titulierungen wie Schwobeseggl oder gerne auch Sauschwob, welche sich, aus seinem hanseatischen Munde herausgepresst, freilich extrem komisch anhörten. All das war natürlich durchaus folkloristisch gemeint, und ich ließ dann in unseren ausufernden Gesprächen in den einschlägigen Kreuzberger Kneipen auch keine Gelegenheit aus, ihn seinerseits als Fischkopp oder Küstenvernebelten zu bezeichnen. Wir waren unzertrennlich gewesen die ganzen Jahre, und wir hatten es stets geliebt, zu vorgerückter Stunde meine – wie ich jetzt erst recht feststellen muss – bis ins Lächerliche angehäuften akademischen Würden seinen, P.’s, praktischen Fähigkeiten, seinen unbestreitbaren sozialen Kompetenzen, gegenüberzustellen.

Und bei alledem habe ich ja auch Zeit meines Lebens mit diesem meinem Südländertum kokettiert. Ich habe dort meine Kindheit und Jugend verbracht, und Sprache und Kultur perfekt beherrscht. Zugleich wurde mir stets zu verstehen gegeben, dass ich zwar einer von Ihnen, aber dennoch kein Einheimischer sei. Das ist, wie ich heute weiß, die Triebfeder gewesen, mich in die weite Welt der Ethnologie zu begeben. Und es war mir schon in den Achtziger Jahren in Westberlin stets zugute gekommen, dass ich dennoch nie als Schwabe auffiel, wurde bei uns zuhause doch dankenswerterweise kein Schwäbisch, sondern eine – ihrerseits markante – Mischung aus dem Ruhrgebietsdeutsch meiner Mutter und dem leicht fränkisch eingefärbten Schriftdeutsch meines Vaters gesprochen.

Der langen Rede kurzer Sinn ist dieser. Ich habe einen neuen Job gefunden, begebe mich in die Welt junger, aufstrebender Startups, werde ab Montag ein Working Class Hero sein. Aber so ganz traue ich dem Braten noch nicht. Womit wir wieder beim Öl wären.

Und eines noch: der beste Freund von P., den ich schon seit Urzeiten kenne, und der mir – ähnlich wie P. – viele Türen geöffnet, viele geile Stunden beschert hat, schwächelt jetzt auch schon. Das macht mir wirklich Sorgen. Mein Freund F. zeigt gerade die Symptome eines alten Ehepaars, dessen einer Teil wegstirbt. Er verliert die Lust am Leben. Werde ich wenigstens F. ermuntern können, weiterzuleben? Davon wird hier in Kürze dringend zu berichten sein. Genau deshalb traue ich diesem neuen, optimistischen Braten nicht so ganz. Vielleicht braucht es ja auch nur ein vernünftiges Öl. Oder wie S. sagen würde, „e gscheits“.

Ach übrigens: von S. habe ich auch schon lange nichts mehr gehört. Schade eigentlich.

Related posts

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: