Weltuntergangsstimmung

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Weltuntergangsstimmung

Es könnte jetzt alles so schön sein. Ist es aber nicht. Der April zeigt sich im Steglitzer Südende von seiner wahrlich garstigsten Seite. Innerhalb nur einer Stunde verzeichnete ich hier in chronologischer Reihenfolge Sturm, Regen, Sonnenlicht, Verdunkelung, Aufhellung, strahlend blauen Himmel, graue Wolkenwände, dann plötzlich wieder eine geradezu kitschig sich anbiedernde Frühlingskulisse oder wahlweise einen veritablen Novembermoment. Die paar wenigen Blümchen, die ich bislang in meine Balkonkästen gesetzt habe, sind sich ihrer noch nicht wirklich sicher, sie trauen dem Ganzen noch nicht, verharren in einer Wartestellung. Und zugleich bilden sie, ohne freilich etwas dafür zu können, exakt meine derzeitige Lebenssituation ab. „Es wird in Kürze, in unmittelbarer zeitlicher Nähe, etwas passieren, was uns alle aufblühen und gedeihen lassen wird“, wollen sie mir jetzt sagen. Ich gebe ihnen brav Wasser, drücke immer wieder die Erde um sie herum fest an, damit zumindest in dieser Hinsicht nichts schiefgehen möge. Aber es ist eben noch nicht so weit. Bis dahin heißt es: Abwarten, Hoffen und vielleicht auch Bier trinken. Gerade, da ich diese Zeilen schreibe, fallen zu allem Überfluss unanständig große Hagelkörner vom Himmel und verwandeln meinen Balkon in ein bizarres, unwirkliches Eismeer.

In einem meiner letzten Beiträge wies ich darauf hin, wie schön es doch sein kann, aus einer so genannten Aussegnungshalle herauszutreten, die frische Luft in den eigenen Lungen zu spüren, und sich weiterhin unter den Lebenden wähnen zu dürfen. Ja, es ist alles andere als pietätlos, sich angesichts eines schmerzlichen Abschiedes seiner eigenen Lebenswirklichkeit zu erfreuen. Aber ich sehe jetzt mehr und mehr, welch klaffende Leerstelle der plötzliche Verlust von P. doch in mein Leben eingestanzt hat. Plötzlich türmen sich unbezahlte Rechnungen vor mir auf, man verschickt unzählige Bewerbungen in die digitale Welt hinaus – jede einzelne eine Flaschenpost auf dem Weg zu unbekannten Empfängern an neuen Ufern. Wohl verstanden: ich glaube an mich, an meine langjährigen Lebens- und Berufserfahrungen. Und doch zermürbt einen die zwanghaft auferlegte zähe Wartezeit, dieses erzwungene Brachliegen der eigenen Fähigkeiten als Jemand, der eigentlich sein Leben lang nie ohne Arbeit, zumindest nie ohne sinnvolle Aufgabe gewesen ist. Und das im Küchenschrank noch gebunkerte bisschen Bargeld fließt unerbittlich die Stephanstraße hinunter.

Ich habe den April schon immer gehasst. Dieses Jahr ganz besonders.

By | 2016-08-29T14:44:32+00:00 April 27th, 2016|Lokales, Schreiben|0 Comments

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