Wasabi da nur bestellt?

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Wasabi da nur bestellt?

This one goes out to Betty K.- thanks for sharing marvellous moments and an outreagous concert of Archive at Columbia Hall, Berlin.

Nun ist es schon ein paar Tage her, seit ich meinen alten Kumpel P. zu Grabe getragen habe. Eine, wie mir immer deutlicher wird, an Absurdität nicht zu überbietende Geschichte kam an diesem solch, wie gesagt wird, rabenschwarzen Tag, zu einem vorläufigen Abschluss. Mein eigenes Leben geht freilich weiter, und ich kann nur sagen, dass dieser schmerzliche Abschied durchaus erstaunliche Energien in mir freigesetzt hat. Wieder und wieder geht mir beispielsweise eine Zeile der britischen Band Tungg durch den Kopf, in der es heißt:

So sweet to lose a friend
You leave the church and taste
The air in your lungs
Old lies and fireflies
Carve angels on your eyes
And all is undone
You whisper prayers into the dark
Up to a god in whom you’ve never believed
You always do
You split the secret up six ways
But it won’t make it any easier to see
And now we don’t remember

Das ist große Kunst. Britischer Zynismus at its best, und es soll noch einer sagen, dass Indierock nicht zu tiefgründiger Lyrik fähig wäre. Vor allem diesen mir seit je her unerfindlichen Gott, „an den du niemals glaubtest“ (tungg), habe ich in letzter Zeit versucht zu kontaktieren. Leider ohne jeden Erfolg. Nicht einmal in der U-Bahn bin ich ihm begegnet, und am Telefon ging dann schlussendlich nur der Papst dran, wie wir alle aus einem von mir gerne so genannten Jahrhundertsong wissen.

Und jetzt gerade, wo ich diesen Link setze, laufen mir die Tränen über mein Gesicht. Ja, ja, Pop ist groß, ja, ja, Pop ist groß, und nicht Gott.
Wieder einmal ist mir drastisch vor Augen geführt worden, dass dir gerade in Zeiten der Krise keine metaphysische Instanz hilft – im Gegenteil: Krisen sind der beste Moment, sich auf seine ureigensten Fähigkeiten als Mensch zu besinnen. Vernunft ist bekanntlich „der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (Muss ich hier den Urheber nennen? Ich glaube nicht). Und Religion, wie ich an dieser Stelle ganz entschieden hinzufügen darf, ist meiner tiefsten Überzeugung nach die größte, an Gigantismus, an weltgeschichtlicher Obszönität nicht zu überbietende kollektive Autosuggestion der Menschheitsgeschichte – des Anthropozän.

„Wir fangen heranfliegende Geschosse mit unseren Zähnen ein, wir schneiden uns auch schonmal eine Fingerkuppe ab, um uns neue Einblicke in unsere persönlichen Befindlichkeiten zu verschaffen“ (tongg). Das ist großartig. Ich liebe diese messerscharfen britischen Lyrics.

Und jetzt? Alle Fingerkuppen sind noch dran, kein Gott in Sicht, Atheist wie immer, und voll und ganz auf meine schlichten individuellen Qualitäten zurückgeworfen. Und – wie ich einem vorigen Beitrag bereits kolportierte – „ist ja alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt“. Soweit der große Thomas Bernhard zu mir.

Und dann kam der gestrige Tag in Mitte: Eine Mittzwanzigerin empfängt mich in einer WG-ähnlichen Location, um „sich mal näher kennenzulernen“, wie sie sich ausdrückte. Das nenne ich einmal „flache Hierachien“. Startup-Unternehmenskultur vom Feinsten. Keine schmallippigen Schlips tragenden Personaler vor dir, keine Spur von den Abgründen des klassischen Bewerbungsgesprächs mit all seinen berüchtigten Fallstricken und Fangfragen. Meine geliebten Töchter hatten mich noch kurz zuvor mit Mutmacher-Whatsapps angestachelt, diesen Termin souverän über die Bühne zu bringen. Allet schick, wie der Kreuzberger sagt. Und siehe da: Nach nur einer guten Woche der Trauer um meinen geliebten Freund P. winkt dieses junge Unternehmen mit einer so genannten Festanstellung. Warten wir es ab – man soll Personalern ja nicht gleich hinterhertelefonieren. Also bin ich frohen Mutes, gehe raus auf die Torstraße, hole mir beim Vietnamesen (ja, den gibt es dort in der Silicon Alley tatsächlich immer noch!) ein Bierchen und gehe zu Fuß durchs Regierungsviertel bis zum Potsdamer Platz. Die Sonne scheint prächtig, aber es ist, um es mal auf Deutsch zu sagen, arschkalt.

„Sometimes it snows in April – sometimes I feel so bad. Sometimes I wish that life was never ending, and all good things, they say, never last“

Und hier noch ein unwiderstehliches Video des bereits erwähnten Jahrhundertsongs. Machts gut, ich heule derweil ab.

By | 2016-08-09T14:29:10+00:00 April 26th, 2016|Arbeit, Musik|0 Comments

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