Über den Selbstmord

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Über den Selbstmord

In diesem Lande, und in dieser Zeit,
dürfte es trübe Abende nicht geben.
Auch hohe Brücken
über die Flüsse.
Selbst die Stunden
zwischen Nacht und Morgen.
Und die ganze Winterzeit dazu.
Das ist gefährlich.
Denn:
Angesichts dieses Elends
werfen die Menschen
in einem Augenblick
ihr unerträgliches Leben fort.
Aus dem „Hollywooder Liederbuch“
(Brecht/Eisler, 1942/43)

Heute ist ein solch trüber Abend mit unerträglicher Wucht über mich hereingebrochen. Und auch ein Fluss war in unmittelbarer Nähe, in den ich mich hätte ganz spontan, in einem Anflug von Irrsinn, stürzen können. Leider wäre im Ernstfall die so genannte Siemens-Brücke, welche in meiner unmittelbaren Nachbarschaft über den Südberliner Teltowkanal führt, nicht hoch genug gewesen, um sich durch die schiere Wucht des Aufpralls auf das kalte Nass die finale Kante geben zu können. Vermutlich hätte ich diesen kleinen Kick mit einem Abstecher zum nahe gelegenen 24-Stunden-Supermarkt abgerundet, mich einmal geschüttelt, als sei nichts gewesen. Wäre bibbernd in Richtung Stephanstraße gegangen, hätte mich möglichst unauffällig den Hausflur hinauf in den zweiten Stock geschlichen, und wäre wieder in meinem kleinen Paradies zurück gewesen. Ohnehin hätte ich noch ein wenig gewartet, bis die Wasser- und Außentemperaturen auf ein erträgliches Maß angestiegen gewesen wären.

Ihr seht schon: alles reine Spekulation, die aus einem Impuls erwächst, sich existenziellen Fragen nicht zu verschließen, sondern sie vielmehr mit ihrer vollen Wucht an sich heran und in sich hinein zu lassen. Es mag paradox klingen, aber der Existenzialismus hat für mich absolut nichts Nihilistisches, wie ihm so oft vorgeworfen wird, sondern ist wohltuende Rückbesinnung auf das pure Dasein als Mensch. Das reicht voll und ganz. Dazu braucht es keine imaginierten Gottheiten.

Die „Stunden zwischen Nacht und Morgen“ sind schon seit gefühlten Ewigkeiten meine liebste Tageszeit gewesen – Stunden, in denen „Schwarz zu Blau“ wird, wie Peter Fox, Frontmann der Berliner Aushänge-Kombo Seeed, es so treffend formulierte. In meinen vielen Jahren als Afrika-Reisender, Wissenschaftler und Forscher hatte ich stets die Nacht mit ihrer Ruhe und den vergleichsweise kühlen Temperaturen zu meinem Arbeitstag gemacht. Und das ging dann so nahtlos weiter. Erst eine neue Erdenbürgerin, Valeska Charlotte, geboren im Schöneberger AVK, die irgendjemand nachts stundenlang zu beruhigen hatte, wenn Mama schlief, dann Promotion, ebenfalls nachts geschrieben (aber aus Gründen, die dem ein oder anderen späteren Text vorbehalten sein werden, gescheitert) und schließlich – ihr ahnt es schon – die Sache mit meinem geliebten Freund P.

Und jetzt? Leere. Aufbruch. Hoffen. Warten.

Der Rest des zweifellos in typisch Brechtscher Prägnanz geradezu ins Fleisch schneidenden Textes trifft indes weniger auf mich zu. Die Winterzeit kann mir seit den Jahren des Klimawandels weder physisch noch seelisch etwas anhaben – allein das Nicht-Enden-Wollende an ihr macht in unseren Breiten doch einigermaßen zu schaffen. Auch erzeugt die Dunkelheit keinerlei Depression in mir, im Gegenteil fühle ich mich geradezu in ihr geborgen. Und der frühe Morgen mit seinem Schwarz zu Blau ist meine genüsslichste und zugleich kreativste Zeit des Tages, aber bitteschön nur dann, wenn etwas bereits geschaffenes ausklingt und nicht im Gegenteil der Kadaver (Miroslav Klose im Interview kurz vor der Fußball-WM 2014) sich eigens dafür aus dem Bett zu schälen hat. Auch habe ich nicht vor, irgend etwas, schon gar nicht mein eigenes Leben, „in einem Augenblick fort zu werfen“. Nee Alter, dafür bin ich Papa, stolzer Papa von zwei wunderbaren Töchtern. Und ich habe meine Eltern, die sich auch mit Anfang Achtzig noch bester körperlicher und geistiger Gesundheit erfreuen. Das alles ist die beste Lebensversicherung, die man sich nur vorstellen kann. Sich umzubringen ist hingegen die unfassbarste, die ultimative Rücksichtslosigkeit gegenüber Menschen, die dich lieben, eine an Obszönität jedes erdenkliche Maß übersteigende Handlung.

By | 2016-08-22T22:11:58+00:00 April 28th, 2016|Lokales, Musik, Schreiben|0 Comments

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