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Woisch Karle, du brauchscht e gscheits Öl

Dieser großartige Werbeslogan eines schwäbischen Lebensmittelherstellers – nennen wir ihn S. – hat mir seit der Zeit, in der ich zwecks Bekämpfung von berufsbedingter Langeweile und Müdigkeit unzählige Nächte hindurch Radio hörte, immer wieder aufs Neue zu denken gegeben. So wurde mir schnell klar, dass hinter der trivialen Aufforderung an einen Freund, er möge doch die richtige Ölsorte wählen, um seinen Kochkünsten den letzten Schliff und seinen ihm im gleichen Spot kackfrech unterstellten Verdauungsproblemen Herr zu werden, wie gesagt wird, weitaus tiefere Ebenen von Lebensweisheit lagen. Es geht hier bei…

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A working class hero is something to be

Noch vor wenigen Tagen ließ ich mich an dieser Stelle über Zwangsräumungen, Weltuntergangsstimmungen und Selbstmordabsichten aus. All das war natürlich literarisch überhöht, und doch meiner derzeitigen Situation nicht ganz unangemessen. Und genau darum geht es mir hier. Blogger mögen ja bekanntermaßen Selbstdarsteller sein, wie immer wieder zu lesen ist. Aber sie sind um so vieles ehrlicher mit ihren Projekten, als alle die, welche mir, als P. noch lebte, unablässig von angeblich so erfolgreichen Product Placements im digitalen Markt, von ihren Benchmarks, von ihren Incentives, und was da sonst noch alles…

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Sie werden kommen

Sie werden kommen, um mich abzuholen. Sie werden kommen, um mir alles zu nehmen. Stumm werden sie ihre Arbeit verrichten, denn: niemand fühlt sich dabei wohl. Ich habe es gewusst, war nicht überrascht, und doch ist dieser Moment ein unerträglicher. Wie im Taumel, wie im Rausch, verfolge ich die Verrichtungen der mit ihrem Tross angekommenen Vollstrecker. Ich bin wie gelähmt, erstarrt zu einer beobachtenden Säule. Eine Horde von Helfern dazu, die allesamt nur einen Auftrag haben, nämlich eine Existenz zu vernichten. Schon ihr Hämmern an der Tür erzeugt Schaudern. Ich…

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Über den Selbstmord

In diesem Lande, und in dieser Zeit, dürfte es trübe Abende nicht geben. Auch hohe Brücken über die Flüsse. Selbst die Stunden zwischen Nacht und Morgen. Und die ganze Winterzeit dazu. Das ist gefährlich. Denn: Angesichts dieses Elends werfen die Menschen in einem Augenblick ihr unerträgliches Leben fort. Aus dem „Hollywooder Liederbuch“ (Brecht/Eisler, 1942/43) Heute ist ein solch trüber Abend mit unerträglicher Wucht über mich hereingebrochen. Und auch ein Fluss war in unmittelbarer Nähe, in den ich mich hätte ganz spontan, in einem Anflug von Irrsinn, stürzen können. Leider wäre…

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Lokales Schreiben 

Weltuntergangsstimmung

Es könnte jetzt alles so schön sein. Ist es aber nicht. Der April zeigt sich im Steglitzer Südende von seiner wahrlich garstigsten Seite. Innerhalb nur einer Stunde verzeichnete ich hier in chronologischer Reihenfolge Sturm, Regen, Sonnenlicht, Verdunkelung, Aufhellung, strahlend blauen Himmel, graue Wolkenwände, dann plötzlich wieder eine geradezu kitschig sich anbiedernde Frühlingskulisse oder wahlweise einen veritablen Novembermoment. Die paar wenigen Blümchen, die ich bislang in meine Balkonkästen gesetzt habe, sind sich ihrer noch nicht wirklich sicher, sie trauen dem Ganzen noch nicht, verharren in einer Wartestellung. Und zugleich bilden sie,…

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Schreiben 

Neulich im Krematorium Puttkamer Straße

„Nach langer, schwerer Krankheit“, wie man häufig liest, habe ich heute Abschied von P. genommen. Es war eine recht würdelose Zeremonie in diesem Nazi-Gebäude mit seiner brutalen Sandsteinfassade nahe der Berliner Wilhelmstraße. In unmittelbarer Nähe zum Touristenmekka Checkpoint Charlie gelegen, vollziehen sich hier, in der Puttkamer Straße Tragödien, Schicksale, von denen die pulsierende Masse aus Schulklassen, Start-Up-Nerds, TAZ-Achtundsechzigern, Kleinkriminellen, Schlipsträgern und Abgedrehten da draußen doch so garnichts mitzubekommen scheint. Ich war der einzig anwesende Angehörige – außer mir nur eine resolute Endfünfzigerin, deren Aufgabe es nun sein sollte, die etwa…

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Der „Process“ ist vollzogen, und ich werde, im Gegensatz zu Josef K., weiterleben

Wir erinnern uns: Der Bankprokurist Josef K., der Protagonist des Romans, wird am Morgen seines 30. Geburtstages verhaftet, ohne sich einer Schuld bewusst zu sein. Trotz seiner Festnahme darf sich K. noch frei bewegen und weiter seiner Arbeit nachgehen. Vergeblich versucht er herauszufinden, weshalb er angeklagt wurde und wie er sich rechtfertigen könnte. Dabei stößt er auf ein für ihn nicht greifbares Gericht, dessen Kanzleien sich auf den Dachböden großer ärmlicher Mietskasernen befinden. Die Frauen, die mit der Gerichtswelt in Verbindung stehen und die K. als „Helferinnen“ zu werben versucht,…

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Schreiben 

Meine Bewerbung als Texter

Meine kindlichen Finger waren noch nicht kräftig genug, um eine solch schwerfällige Mechanik zu bedienen, und es fehlte zudem an deren für das vollständige Herunterdrücken der Tasten nötigen Länge. Dennoch übte die alte Schreibmaschine, die ich auf dem Dachboden des väterlichen Elternhauses vorgefunden hatte, eine enorme Anziehungskraft auf mich aus. Immer auf der Suche nach neuen Entdeckungen in dem uralten Fachwerkhaus meines Großvaters, schlich ich mich, nicht zuletzt um den langweiligen Gesprächen der Erwachsenen zu entfliehen, bei jeder sich bietenden Gelegenheit heimlich davon. Und was ich da zwischen altem Gebälk…

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