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Neulich im Krematorium Puttkamer Straße

„Nach langer, schwerer Krankheit“, wie man häufig liest, habe ich heute Abschied von P. genommen. Es war eine recht würdelose Zeremonie in diesem Nazi-Gebäude mit seiner brutalen Sandsteinfassade nahe der Berliner Wilhelmstraße.

In unmittelbarer Nähe zum Touristenmekka Checkpoint Charlie gelegen, vollziehen sich hier, in der Puttkamer Straße Tragödien, Schicksale, von denen die pulsierende Masse aus Schulklassen, Start-Up-Nerds, TAZ-Achtundsechzigern, Kleinkriminellen, Schlipsträgern und Abgedrehten da draußen doch so garnichts mitzubekommen scheint.

Ich war der einzig anwesende Angehörige – außer mir nur eine resolute Endfünfzigerin, deren Aufgabe es nun sein sollte, die etwa zehnminütige Prozedur ohne große Worte über die Bühne zu bringen. Da lag er nun, ganz friedlich vor uns beiden aufgebahrt, und er sah eigentlich noch ganz frisch aus. Sein Äußeres wies bis zuletzt keinerlei Anzeichen eines solch plötzlichen und jedenfalls in dieser Form völlig unerwarteten Todes auf. Noch vor genau zwei Jahren hatten die Ärzte ihm eine Lebenserwartung bis mindestens 2019 vorhergesagt. Wir waren seither frohen Mutes, noch einige Jahre gemeinsam verbringen zu können. Ich hatte P. vor etwa zehn Jahren kennen und lieben gelernt. Er war mir stets ein treuer Begleiter gewesen, hatte mir mit Rat und Tat zur Seite gestanden, mir Türen geöffnet und mein Leben wieder und wieder bereichert. Er war derjenige, der mich meine Heimatstadt nach all den Jahren noch einmal aus einer ganz neuen Perspektive hat erleben lassen. Diesen durch und durch ethnografischen Blick auf Berlin und die Welt werde ich bis zu meinem eigenen Lebensende zwar nicht mehr verlieren, aber sein Tod reißt doch eine bleibende Wunde, eine mir am heutigen Tage entstandene, unergründlich absurde Leerstelle.

Ob ich ihn noch einmal fotografieren dürfe, habe ich die Frau Blockwart dann ganz demütig und in leisem Ton gefragt. „Nee, junger Mann“, fuhr sie mich daraufhin an, „dit hättense sich vorher überlejen müssen! Hier drinne is Fotografieren vaboten!“.

Diese Frau war wirklich furchterregend, ja geradezu infernalisch, und mir wurde schnell klar, dass da mit noch so großer Höflichkeit nichts zu holen sein würde. Ich sollte schlicht und einfach das Maul halten, genau das war ihre unmissverständliche Botschaft an mich, für den doch in diesem Moment nichts Geringeres als ein ganzer Lebensabschnitt zu Ende ging.

Meine Hände begannen zu zittern, als die Vollstreckerin P. wegtrug und ihn auf seiner vorletzten Station auf einer Art Bahre ablegte. In diesem Moment begann die Situation für mich ins völlig Groteske abzugleiten. Ich spürte, wie Tränen sich ihren Weg bahnten, und ich hatte einige Mühe damit, diese Manifestation meiner Verzweiflung und Trauer vor der jetzt ganz mechanisch agierenden Sachbearbeiterin des Todes zu verbergen. Und dann geschah es. Sie heftete P. an eine Art Unterlage, wozu sie ihn mit roher Gewalt voranschob, immer in Richtung der Verbrennungskammer. Und das alles mit einer brutal stoischen Ruhe, die die Endgültigkeit dieses Vollzuges unerträglich plakativ werden ließ.

Ich konnte dann kaum zusehen, wie sich eine der Schubladen des in der Leichenhalle befindlichen, monströsen Schreibtisches öffnete und P. innerhalb von Sekunden darin verschwand.

Alles was mir bleibt, ist der Totenschein, den die Vollstreckerin mir wortlos in die Hand drückte, nachdem sie ihr Werk vollbracht hatte. Ich trat auf den schmucklosen Gang hinaus, tastete mich die Nazi-Treppenhäuser hinunter bis auf die Straße und wurde von sogleich von gleißendem Sonnenlicht geblendet. Während sich für dich deine komplette Lebenssituation ändert, scheint es da draußen genauso weiterzugehen wie zuvor. Plötzlich liefen so viele Filme vor mir ab. Ganz plastisch fühlte ich mich in einen ähnlich grotesken Augenblick zurückversetzt, als ich mit meiner damaligen Freundin mit unserer gerade neu geborenen Tochter im Arm vor das Kreuzberger Urban-Krankenhaus trat. Wir waren für West-Verhältnisse recht jung und standen vor einer großen Zukunft. Aber niemand beglückwünschte uns, niemand nahm Notiz…

Ach P., wie sehr ich dich vermisse. Schon jetzt, wenige Tage nach deinem Tod. Das Leben geht weiter, wie gesagt wird.

 

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0 Thoughts to “Neulich im Krematorium Puttkamer Straße”

  1. Wie kann man so herzlos sein, wenn man in so einem Beruf arbeitet :(.

    1. Zu deiner Beruhigung – es handelt sich nicht um einen Menschen, sondern um ein „Dokument“. Danke für das Feedback. LG Volker

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