Ein Tag im Juli

/Ein Tag im Juli
Ein Tag im Juli 2016-05-24T15:04:38+00:00

Ich war zu einer Tagung nach Berlin gekommen, hatte den Sonntag frei, es war der Tag des Endspiels um die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Es war heiß an jenem Sonntag, schon um die Mittagszeit gut und gerne dreißig Grad. Eine merkwürdige Stille lag über der Stadt. Die Anspannung und die kollektive Vorfreude waren geradezu greifbar, spürbar. Ein Kribbeln, eine durch und durch erotisierte Stimmung hatte mich schon beim Aufwachen gepackt. Diesmal würden wir es schaffen, wir waren so oft haarscharf dran am Titel, Vizeweltmeister, mehrmals Spiel um den dritten Platz, und jedesmal souverän durch die Qualifikation und die Vorrunde gegangen. Es musste diesmal doch klappen. Die Vorzeichen waren jedenfalls so gut wie lange nicht. Unsere so genannten Angstgegner Italien und Spanien hatten sich bereits in vorangegangenen Spielen der Endrunde verabschieden müssen. Die Mannschaft hatte sich im Verlauf des Turniers in einen wahren Rausch hinein gespielt. Eine innere Gewissheit sagte mir schon jetzt, als ich mich zu einem kleinen Spaziergang durch Schöneberg aufmachte, dass wir es diesmal packen würden. Der vierte Stern auf dem Trikot gleich über dem Bundesadler: das hätte doch etwas. Aber noch blieben mir ungefähr acht Stunden, und da mein morgiges Treffen mit Vertretern der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Konrad-Adenauer-Haus erst um zehn Uhr beginnen würde, hatte ich jetzt, an diesem heißen Sonntag im Juli, genügend Zeit, mich hier umzusehen und beim Spätkauf – wie mir immer wieder gesagt wurde, eine kulturelle Institution in Berlin – einzukehren und mir ein kleines Rothaus zu gönnen.

Ich war seit Jahren regelmäßig in Berlin gewesen, sei es dienstlich an der Freien Universität oder an der Humboldt, sei es, um alte Studienkollegen zu treffen oder einfach nur um ein schönes Wochenende inklusive eines geilen Konzertes zu erleben. Jetzt also ein kleines Hotel in der Schöneberger Hauptstraße, gerade einmal zwei Sterne, aber ich konnte mich glücklich schätzen, dank meiner Sekretärin an einem solchen Tag noch halbwegs innerstädtisch etwas gefunden zu haben. Die Stadt war an diesem Wochenende komplett ausgebucht. Alle wollten ja dabei sein an diesem – wie zu erwarten war – historischen Tag. Wo man hinschaute, die BZ-Schlagzeile „Ihr seid Papst, aber wir sind Götter!“, diese Ausgabe vom vierzehnten Juli musste ich einfach haben, noch heute hängt sie feierlich eingerahmt in meinem Arbeitszimmer.

Irgendetwas hatte schon die Tage zuvor nicht mit meinem alten Freund Adam gestimmt. Er war nicht ans Telefon gegangen, selbst nachts nicht, wo er ja normalerweise im Dienst war. Er schien sich abgeschottet zu haben, wollte einfach alleine sein mit sich und seiner prekären Lebenssituation. Immer wieder hatte er mir gesagt, er sei gerne alleine, sehr gerne sogar, aber seine Einsamkeit gehe ihm zunehmend auf den Sack; seine, wie er immer wieder betonte, verdammte Einsamkeit. Das hatte mich schon seit geraumer Zeit extrem beunruhigt. Er war labil geworden, hatte sich immer seltener in Frankfurt blicken lassen.

Wie oft hatte ich während unserer gemeinsamen Forschungsreisen versucht, ihn aufzumuntern, ihm Mut zu machen, seine Potenziale zu erkennen und seine so Erfolg versprechend gestartete Karriere als Ethnologe weiter zu verfolgen. Aber irgendetwas in ihm hatte ihn stets zurückgehalten. Adam war lange Jahre ein Glückskind gewesen, alles war ihm immer zugeflogen. Er hatte seinen Magister mit Bravour hingelegt, Note Eins mit Auszeichnung, hatte dann innerhalb kürzester Zeit ein Stipendium des Landes Berlin inne, welches es ihm ermöglichte, zwei Jahre lang seine Forschungen zur Auratur in Westafrika zu verfolgen, ein Begriff, den er in der deutschsprachigen Ethnologie stolz für sich beanspruchte. Die Flüge waren bezahlt, er hatte Sondermittel für technisches Gerät erhalten, konnte sich über täglich ausbezahlte Spesen freuen und sich ganz ohne finanzielle Zwänge seinen Ideen – und davon hatte er immer reichlich! – hingeben. Aber stets war ihm sein, wie er es selber ausdrückte, Wahrheitsfanatismus im Weg gestanden. Adam war ja so ein Typ, der sich in einer Bar ganz bewusst in Diskussionen mit so genannten Dumpfbacken einließ, sich ihre abstrusen Gedanken und Hasstiraden anhörte, um sich dann vor einen muskulösen, bereits aggressiv gewordenen Typ hinzustellen und ihm in aller Ruhe zu sagen, dass er nichts anderes als gequirlte Scheiße von sich gebe. Mir war in solchen Situationen stets äußerst mulmig geworden, ich hatte Angst um Adam, obgleich ich ihm natürlich komplett zustimmte. Er hat ein ums andere Mal riskiert, aufs Maul zu bekommen, aber das war ihm egal, ging es doch nur darum, seinen Standpunkt zu vertreten. Um diese Furchtlosigkeit und diese aufrechte Haltung hatte ich ihn stets beneidet.

 

%d Bloggern gefällt das: