Disziplin

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Disziplin

Es ist gerade einmal halb Zwölf und alle Knochen tun mir weh. Und dennoch: der neue Job als Working Class Delivery Hero tut mir gut. Mit dem sedierenden Feierabend-Bierchen in wahlweise der U- oder S-Bahn sitzend, genieße ich die Entspanntheit eines vollbrachten Tagwerks. Und das ist auch völlig OK, gesellschaftlich sanktioniert. Die BVG „liebt mich“ ja mittlerweile dafür, und die in ihren sterilen Funktionskleidern in der Bahn herumfallenden Touristen dürfen darüber ruhig die Nase rümpfen. Die haben ohnehin keine Ahnung davon, was hier wirklich abgeht. Mir kann das alles ejal sein: erst einmal ackern, neue Erfahrungen machen, einsacken. Aber ach: es kommt nicht. Die sich so locker stets mit Vornamen anredenden Vorgesetzten kamen doch sehr in Verlegenheit, als ich es wagte, für zwei Wochen geleisteter Arbeit einen Vorschuss zu beantragen. Auch sie „lieben mich“ ja irgendwie, aber es gibt erst am Sechsten des Folgemonats Geld. Hallo? Wo lebt ihr denn? Das hätte ich ihnen gerne entgegengerufen, aber als Newbie auf Probe hält man dann doch ganz diplomatisch mal das Maul.

Jetzt also seit geschlagenen vier Wochen alle nur erdenklichen Quellen angezapft: beim Späti anschreiben lassen, kurz noch in die – schon längst abgeschriebene – Stammkneipe rein und noch einen Zettel produzieren, diverse private Kontakte aktiviert zwecks Kleinstkredit.

All das reinigt und ordnet. Außerdem muss man es ja erst einmal schaffen, mit Anfang Fünfzig aus dem Stand eine so genannte sozialversicherungspflichtige Vollzeitstelle zu ergattern. Und dann auch noch in einem jungen Unternehmen mit einer um mich herum sich tummelnden Belegschaft eines sagenhaften Durchschnittsalters von gefühlten Ende Zwanzig. Das passierte gewiss nicht ohne Stolz, aber garantiert ohne Hochmut, denn den besagten Fall danach habe ich in den vergangenen Jahren Mal um Mal aufs Schmerzlichste erleben müssen. Seit Wochen bin ich am existenziellen Limit. Ihr ahnt es schon: seit am 18. April P. verstarb, musste ich mich, völlig unvorbereitet auf den plötzlichen Mangel, nach neuen Betätigungsfeldern umsehen.

Ein neudeutsches Update hierzu noch: seit circa fünf Wochen ohne viel Geld gelebt, aber die letzten paar Tage praktisch von nichts mehr. Eine heilsame Erfahrung, das. Du bist komplett auf die Frage nach den Prioritäten zurückgeworfen: soll ich die 50 Cent lieber für eine Schrippe ausgeben, oder eher versuchen – was ja nicht legal ist – zwei Zigaretten irgendwo zu kaufen? Man fühlt sich nackt, mittellos, und geht doch einer offiziellen Beschäftigung nach. Arm trotz Arbeit? „Alles wird gut“, rufen mir da einmal mehr meine Töchter entgegen.

Übrigens: die letzten 50 Cent gab ich einem Verkäufer der Obdachlosen-Zeitschrift „Motz“. Ein sehr gutes Gefühl, das.

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By | 2017-02-09T16:45:06+00:00 Mai 29th, 2016|Arbeit, Schreiben|0 Comments

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  1. schlingsite 29. Mai 2016 at 16:16 - Reply

    Ohne Kohle ist man nicht mehr so vom Konsumdruck belastet. Wird jetzt sogar als Frühjahrskur für Begüterte zwecks Realitätswahrnehmung empfohlen.

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