Der „Process“ ist vollzogen, und ich werde, im Gegensatz zu Josef K., weiterleben

//Der „Process“ ist vollzogen, und ich werde, im Gegensatz zu Josef K., weiterleben

Der „Process“ ist vollzogen, und ich werde, im Gegensatz zu Josef K., weiterleben

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Verlagseinband der Erstausgabe 1925 – Copyright H.P. Haack, Antiquariat Dr. Haack, Leipzig – Privatbesitz

Wir erinnern uns: Der Bankprokurist Josef K., der Protagonist des Romans, wird am Morgen seines 30. Geburtstages verhaftet, ohne sich einer Schuld bewusst zu sein. Trotz seiner Festnahme darf sich K. noch frei bewegen und weiter seiner Arbeit nachgehen. Vergeblich versucht er herauszufinden, weshalb er angeklagt wurde und wie er sich rechtfertigen könnte. Dabei stößt er auf ein für ihn nicht greifbares Gericht, dessen Kanzleien sich auf den Dachböden großer ärmlicher Mietskasernen befinden. Die Frauen, die mit der Gerichtswelt in Verbindung stehen und die K. als „Helferinnen“ zu werben versucht, üben eine erotische Anziehungskraft auf ihn aus.

Josef K. versucht in der Folge verzweifelt, Zugang zum Gericht zu finden, doch auch dies gelingt ihm nicht. Er beschäftigt sich immer öfter mit seinem Prozess, obwohl er anfangs das Gegenteil beabsichtigte, und er gerät dabei immer weiter in ein albtraumhaftes Labyrinth einer surrealen Bürokratie. Immer tiefer dringt er in die Welt des Gerichts ein.

Gleichzeitig dringt jedoch auch das Gericht immer mehr in Josef K.s Leben ein.

Ob tatsächlich ein irgendwie gearteter Prozess heimlich voranschreitet, bleibt sowohl dem Leser als auch Josef K. verborgen. Gleiches gilt für das Urteil: K. erfährt es nicht, aber er empfindet selbst, dass seine Zeit abgelaufen ist. Josef K. fügt sich einem nicht greifbaren, mysteriösen Urteilsspruch, ohne jemals zu erfahren, weshalb er angeklagt war und ob es tatsächlich dazu das Urteil eines Gerichtes gibt. Am Vorabend seines 31. Geburtstages wird Josef K. von zwei Herren abgeholt und in einem Steinbruch „wie ein Hund“ erstochen.

Soweit eine mir wohl für immer unvergessen bleibende Passage aus Franz Kafkas Der Process, die ich hier in Anlehnung an den souveränen Wikipedia-Artikel zu diesem Werk rekapituliert habe.

Was bei Josef K. einen Zeitraum von nur einem Jahr umfasste, dauerte in meinem Falle knapp die doppelte Zeit. Die Parallelen sind allerdings vom heutigen Zeitpunkt her betrachtet fast unerträglich präsent, und ich verstehe immer mehr, warum mir diese in Kafkas Werken immer wieder beschriebene Albtraumhaftigkeit des verzweifelten Kampfes eines hypersensibelen Einzelnen mit, in chronolgischer Abfolge, einem perfide seinen heranwachsenden Söhnen mit vernichtendem Hohn und Spott entgegentretenden, letztlich seine doch lächerlich, mir schon im Kindesalter bewusst gewordene unerträglich persönliche Unreife abarbeitenden Vater, einer ihrem Manne komplett devote, aber ihren Söhnen aus exakt diesem Grunde gefühlskalt gegenübertretendene Mutter, und – lassen wir jetzt den Kalten Krieg, das rabenschwarze unter alten SS-Recken regierte Schwabenland (ja, wer würde das heute noch annehmen?), die sage und schreibe viereinhalbstündige Tortur einer Verhandlung meiner Kriegsdienstverweigerung vor dem so genannten Kreiswehrersatzamt zu Ravensburg mal beiseite –

So, jetzt hat dieser Satz eine von mir so genannte Bernhardsche Länge überschritten, deren Ausmaß nun wirklich kein Mensch mehr überblicken kann.

Aber ich sage euch eines, meine Lieben: All das hat mich jetzt vortrefflich von einem Problem abgelenkt, welches nicht mehr und nicht weniger bedeutet als mich jetzt sofort, hier und auf der Stelle, um einen neuen Job zu bemühen. Das Problem ist freilich eines, das ich schon seit mehr als zehn Jahren nicht mehr hatte. Man fängt an einem gewissen Nullpunkt wieder an – selbstverständlich, oder besser: hoffentlich viel abgeklärter und erfahrener als je zuvor. Es bleiben nur noch wenige Tage.

By | 2016-04-17T08:20:30+00:00 April 17th, 2016|Schreiben|0 Comments

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