Arbeit Lokales 

Fluch und Segen des freien Tages

Einer der großen Vorteile meines neuen Jobs ist ein weitgehend flexibel wählbarer freier Tag in der Woche. Dazu können wir uns mithilfe eines firmeninternen Online-Tools auf bestimmte Tage bewerben. Mein Lieblingstag in dieser Hinsicht ist der Donnerstag – erst drei Tage arbeiten gehen, dann einen ganz normalen Wochentag zur freien Verfügung haben und schließlich noch einmal entspannt zwei Tage nachlegen. So arbeitest du nie fünf Tage am Stück und kannst einen gewöhnlichen Werktag für alle möglichen Aktivitäten nutzen. Kein Einkaufsstress am Samstag, keine Sonderwünsche beim Arbeitgeber, wenn man mal zum Arzt muss oder bei Behörden antanzen darf.

So weit so gut. Heute ist ein solcher Donnerstag, und ich bin recht früh aufgestanden, um denselben möglichst effektiv zu nutzen. Ich konsultiere also meine To-Do-Liste, die ich immer irgendwo auf den unendlichen Weiten meines Schreibtisches niederkritzle. Für heute sieht diese meine Zettelwirtschaft folgende Tätigkeiten vor:

  • An meiner „About“-Seite weiterschreiben
  • Mindestens einen neuen Blogbeitrag verfassen
  • Einen wichtigen Brief an die Justizbehörden schreiben
  • Eine Auskunft as dem zentralen Verkehrsregister in Flensburg beantragen
  • Ein polizeiliches Führungszeugnis beantragen
  • Meine laufenden Bewerbungen checken
  • Zum Friseur gehen
  • Schuhe kaufen
  • Rucksack kaufen
  • Klopapier kaufen
  • Eine gute Location fürs Public Viewing heute Abend finden
  • Endlich mal wieder mit meiner Ältesten telefonieren
  • Körperpflege betreiben

Und dann – man ahnt es schon! – startet der Tag mit der Frage nach den Prioritäten auf der Liste. Soll ich erst einmal rausgehen und die ganz handfesten Dinge erledigen, oder mich eher mit der siebten Tasse Kaffee an den Rechner begeben, um die administrativen Dinge zu erledigen? Mein Handy hupt. Die alte Fahrradhupe bedeutet bei mir „Neue Whatsapp-Nachricht erhalten“. Meine Tochter will wissen, wo wir heute Abend Fußball gucken gehen. Ha! Endlich eine konkrete Aufgabe. Es soll nicht zu groß sein, nicht teuer, aber auch nicht so weit weg. Nach einiger Zeit schlage ich das Parkcafé am Fehrbelliner Platz in Wilmersdorf vor. Die haben eine richtig große Leinwand und der Laden ist für uns beide halbwegs schnell zu erreichen. So, schon hätten wir etwas geschafft, was die Liste um einen Punkt reduziert. Außerdem werde ich dort hoffentlich einen durch und durch traumatischen Abend verarbeiten können, nämlich die unvergessene Pose eines Herrn Balotelli im Spiel der WM 2010, als die Italiener uns im Halbfinale aus dem Turnier warfen.

Dann ploppt mein Handy. Wenn es ploppt, bedeutet das immer eine neue Nachricht auf Facebook. Irgendwer hat etwas in irgendeine meiner Blogger-Gruppen gepostet. Ich komme vom Hundertsten ins Tausendste. Alles ist jetzt irgendwie interessant, aber letztlich ohne momentanen Wert. Schon gar nicht, wenn ich mir die verbleibenden zwölf Punkte meiner Checkliste anschaue. Mittlerweile ist Mittagszeit, und ich gehe wenigstens kurz einkaufen. Fast hätte ich beim Grübeln über das beste gekühlte Bierchen das Klopapier vergessen. Das konnte ich im letzten Moment aber noch aus der Liste streichen.

Wieder der Gang auf den Balkon. Seit Tagen verfolge ich aufmerksam das Wachsen und Gedeihen derjenigen Pflanzen, die einem im April ausgelegten Saatband entsprossen sind. Die so genannte Blumenwiesen-Mischung beschert mir täglich große Freude, weil man ja nie weiß, wie sich das ganze Ensemble mit meinen Tagetes, meinen Porticula-Röschen und den Hängepetunien zusammenfügen wird. Aber lassen wir das wieder. Zurück an die Planungen des freien Tages. Mittlerweile ist es schon halb Vier, und ich habe große Lust, einfach in die S-Bahn zu steigen und ein wenig hinauszufahren. Leider ist dazu jetzt keine Zeit mehr. Das hätte man ja mal besser gleich morgens gemacht. Aber dazu ist es jetzt zu spät.

Nun haben wir schon späten Nachmittag, und erst jetzt bemerke ich, dass mein Magen mich seit geraumer Zeit bedrohlich anknurrt. Eigentlich ein ganz schönes Gefühl, das in den letzten Jahren zu einer Konstante geworden ist. Also weiche ich ganz eindeutig von meinen Planungen ab, und mache mir ein paar Sandwiches mit Tomate und Mozarella. Und schon ist wieder eine Stunde verstrichen. Außerdem steigt die Vorfreude auf unser Polen-Spiel heute abend, und ich verlasse dieses Browserfenster, um mir das Spiel England gegen Wales anzusehen.

In der Zwischenzeit haben sich die beiden überaus erfrischenden Sternburgs in meinem Körper und meinem Kopf im Besonderen breit gemacht, und an ernsthafte Bemühungen im Hinblick auf offizielle Schreiben an Behörden ist nicht mehr zu denken. Was solls? Der Tag ist doch bislang ganz entspannt verlaufen. Außer Klopapier, Bloggen und Abhängen vor meiner Blumenwiese ist nicht viel passiert. Ich fühle mich irgendwie erholt. Die Vorfreude steigt; inzwischen haben etliche Whatsapp-Nachrichten dazu geführt, doch eher aufs Tempelhofer Feld zu gehen, von dem bezüglich Public Viewing nur Gutes zu vernehmen ist. Oder doch lieber ins Parkcafé – oder vielleicht die Pusteblume am Innsbrucker Platz? Ach, es ist mir inzwischen auch wirklich Latte, wie der Berliner sagt.

Es geht jetzt schon stramm auf den Abend zu, und aus meiner überaus ambitionierten To-Do-Liste ist die folgende Have-Done-Liste hervorgegangen:

  • Einen Blogbeitrag verfasst
  • Klopapier gekauft
  • Eine (vorbehaltliche) Location fürs Public Viewing gefunden

Und bevor ich gleich losgehe – wir haben uns mittlerweile doch aufs Parkcafé geeinigt – werde ich noch ein wenig Körperpflege betreiben. Womit zumindest noch ein weiterer Punkt der ursprünglichen Liste abgehakt wäre.

Ich liebe meinen freien Tag. Beim nächsten Mal steht auf der Liste nur noch „lasse ihn einfach auf dich zukommen“. Und jetzt rasch, rasch zum Bus und hoffentlich einen geilen Fußballabend erleben. Und vielleicht in Zukunft überhaupt keine Listen mehr schreiben.

 

Related posts

0 Thoughts to “Fluch und Segen des freien Tages”

  1. madameflamusse

    hah dieses hin- und her kenne ich…meistens ergibt es sich aber wirklich von selbst ..eben das was dringen und wichtig ist 😀

  2. Na dann, viel Spaß beim Spiel. Lese nach wie vor mit Interesse Deine Abenteuer des Alltags, manchmal erreicht mich allerdings eine Neuer-Beitrag-Mail, die dann ins Nichts führt. Hast Du den betreffeneden Eintrag dann gelöscht? Plopp und Hupp!

    1. Danke dir für dein Interesse.. Ja, tatsächlich habe ich immer mal wieder etwas gerade fertig Gewordenes spontan wieder gelöscht – einfach in den Papierkorb, so wie im echten Leben auch. Habe jetzt so langsam den richtigen Stil gefunden. Was die Themen betrifft, so bin ich gelassener mittlerweile. Die werden sich ganz von selbst herauskristallisieren. Verfolge deinen Blog ebenfalls weiter mit großem Interesse und Vergnügen! Plopp, Hup und manchmal auch „Pfeif“!

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: