A working class hero is something to be

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A working class hero is something to be

Noch vor wenigen Tagen ließ ich mich an dieser Stelle über Zwangsräumungen, Weltuntergangsstimmungen und Selbstmordabsichten aus. All das war natürlich literarisch überhöht, und doch meiner derzeitigen Situation nicht ganz unangemessen. Und genau darum geht es mir hier. Blogger mögen ja bekanntermaßen Selbstdarsteller sein, wie immer wieder zu lesen ist. Aber sie sind um so vieles ehrlicher mit ihren Projekten, als alle die, welche mir, als P. noch lebte, unablässig von angeblich so erfolgreichen Product Placements im digitalen Markt, von ihren Benchmarks, von ihren Incentives, und was da sonst noch alles an Nonsens-Begriffen auf dem Markt herumschwirrt, erzählen zu gedachten. Und von wem sie nicht alles zu kolportieren wussten: von den verdammten CEO’s und wie sie alle heißen mögen, von ihren Workouts und Community-Buildings, von ihren Road-Shows und natürlich wie immer – von „Irgendwas mit Musik oder Medien“.

They hurt you at home and they hit you at school
They hate you if you’re clever and they despise a fool
Till you’re so fucking crazy you can’t follow their rules
A working class hero is something to be
A working class hero is something to be

Und dann immer wieder gerne: Reue. Da erzählt dir ein Endzwanziger, dass er es einfach nicht schaffe, mit einem Jahresgehalt von 45K – ja, er sagte tatsächlich „Fortyfive K“! – eine Frau zu finden. Wohlgemerkt: er sah gut aus, hatte Kohle, war aber in meinen Augen einfach nur ein Opfer seiner selbst. Ein Opfer seines Lebenslaufburschentums. Ich empfand nur tiefstes Mitleid für derlei Karrieristenirrsinn in einer Lebensphase, die doch eigentlich – endlich der postpubertären respektive frühadoloszenten Phase entkommen – dazu da sein sollte, sich auf Wesentliches zu konzentrieren – und seien es auch nur zwischenmenschliche Beziehungen oder der ach so gefürchtete dreißigste Geburtstag. Stattdessen: zwanghaftes Aneinanderreihen von Praktika, Werkvertragsverhältnissen, dubiosen Auslandserfahrungen und dergleichen mehr, um nur ja keine noch so schmale Lücke im Lebenslauf entstehen zu lassen.

Keep you doped with religion and sex and TV
And you think you’re so clever and classless and free
But you’re still fucking peasants as far as I can see
A working class hero is something to be
A working class hero is something to be

Und immer wenn ich sie spät des Nachts aus einem von ihnen so genannten Berlin Offices am Kudamm herausholte, waren sie alle, mit ihren popeligen 25 Jahren so erbärmlich klein mit Hut gewesen. Entsetzlich: nur noch schnell den Lappi aufgeklappt, um selbst noch morgens um Drei keine Zeit mehr zu verlieren für all die zwangsneurotisch imaginierten geschäftlichen Erfolge des nächsten Tages. Hören wir auf Bertold Brecht, so sind Acht Stunden kein Tag. Aber sind es sechzehn? Niemals. Kein Privatleben, und zu allem Überfluss erleidet die zukünftig Angebetete dummerweise gerade im Singapore Office ein ganz ähnliches Schicksal, ist ebenso wie mein junger Freund einem ganz unerträglichen Karriere-Irrsinn unterworfen. Mich hatte all das, als P. noch bei mir war, stets abgrundtief traurig gemacht, habe ich doch zwei wunderbare Töchter um mich herum, die talentiert, gebildet und weltoffen sind, aber denen – allen Angeboten zum Trotz – ein solcher Bullshit nie in den Sinn kommen würde.

There’s room at the top they are telling you still
But first you must learn how to smile as you kill
If you want to be like the folks on the hill
A working class hero is something to be
If you want to be a hero well just follow me

Ab Montag also werde ich wieder ein Working Class Hero sein. Und das ist auch gut so. Kein Karrieristenirrsinn, keine Benchmarks, keine schleimigen Angebote zur Verbesserung meiner Work-Life-Balance. Wenn ich das schon höre! Ich bin stolz darauf, einfach eine Dienstleistung zu erbringen, die die Leute erwarten, und ich werde es gut machen. Nicht mehr und nicht weniger. Ich habe niemandem etwas aufgequatscht, habe niemanden am Telefon in eine der unzähligen Affiliate-Marketing-Strategien hineingezogen. Ich mache nichts mit dem permanent schlechten Gewissen, Profiteur von etwas zu sein, das ich Zeit meines Lebens verachtet habe. Genau das war einer der Hauptgründe, meinem durchaus erfolgreichen Werdegang als Afrikanist genau in dem Moment den Rücken zu kehren, als ich – einem Kolonialisten gleich – mit sage und schreibe neun Angestellten des Nachts mit einem Bacardi auf der Veranda eines mondänen Hauses in Diebougou im Südwesten von Burkina Faso saß und verträumt meinen Nissan Patrol anblickte, mit dessen Hilfe ich am nächsten Tage wieder mächtig Eindruck bei den von mir zu erforschenden Einheimischen machen sollte. Und – auch das will ich hier nicht verheimlichen – wartete im Schlafzimmer schon die nächste lasziv daliegende Studentin auf den sehnlichst herbeigewünschten F*.

Versteht mich nicht falsch. Ich gehöre nicht zur Spezies dieser linken Romantiker, die an der Uni über die Arbeiterklasse philosophieren, und doch schon von Beginn an wussten, dass sie meilenweit von deren Lebenswirklichkeit entfernt bleiben würden. Nein, ich kenne es tatsächlich: ich war Juniorprofessor in Afrika, war karrieregeil, war ein Angeber vor dem Herrn. Und dann kam der sprichwörtliche Hochmut vor dem Fall. Ich fuhr jahrelang Taxi in Berlin, und ich kann nur sagen: es wurde in dem Moment richtig geil, als ich nicht mehr dachte, „eigentlich bin ich ja Ethnologe, Akademiker“, sondern einfach sagte, „OK, Computer (danke, Radiohead!), so ist es jetzt“. Das Wort „eigentlich“ ist ja, wie wir alle wissen, doch eines der unsinnigsten, irreführendsten Wörter, die meine geliebte Muttersprache zu bieten hat. Was soll das? Natürlich kann man mal zwischenzeitlich in einen so genannten Falschen Film hineingeraten, aber jahrelang etwas zu tun mit dem Gefühl, sich zu belügen ist einer der größten Irrtümer der eigenen Biografie.

By | 2016-12-04T00:41:09+00:00 Mai 5th, 2016|Arbeit, Music, Musik, Schreiben|0 Comments

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No Comments

  1. freeculturedmindblog 5. Mai 2016 at 19:23 - Reply

    brilliant!

    • Volker 5. Mai 2016 at 22:04 - Reply

      Danke dir für das Kompliment. Ich komme gerade erst ins Rollen. Jetzt schaut die Welt ja auch wieder etwas anders aus. Dir viel Erfolg und: keep on blogging on. LG Volker

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